Haarausfall, Haarwachstum und gesunde Haare: Was unsere Haare wirklich brauchen

Aesthetische Behandlung Frau

Wie oft sollte man seine Haare waschen? Welches Shampoo ist das richtige? Warum wachsen manche Haare scheinbar nie über die Schultern hinaus? Und was kann man tun, wenn die Haare plötzlich dünner werden?

Haare sind für viele Menschen ein wichtiger Teil ihres Erscheinungsbildes. Gleichzeitig gehören Haarausfall, dünner werdendes Haar und graue Haare zu den Veränderungen, die uns im Laufe des Lebens beschäftigen.

Im Interview erklärt Dr. med. Martin Kägi, welche Faktoren für gesundes Haar entscheidend sind, wann Haarausfall abgeklärt werden sollte und welche Möglichkeiten die moderne Dermatologie bietet.

Dr. Kägi, beginnen wir ganz grundlegend: Wie häufig sollte man seine Haare waschen?

Das hängt vor allem von der Kopfhaut und der Haarstruktur ab. Bei einer fettigen Kopfhaut kann eine tägliche Haarwäsche durchaus sinnvoll sein, während trockene oder lockige Haare häufig weniger häufig gewaschen werden müssen. Entscheidend ist nicht die Anzahl der Haarwäschen, sondern ein Shampoo, das zur Kopfhaut passt. 

Braucht man ein spezielles Shampoo für schönes oder kräftiges Haar?

Ein Shampoo sollte in erster Linie die Kopfhaut reinigen und zu deren Zustand passen. Bei empfindlicher oder trockener Kopfhaut empfehle ich eher ein mildes, schonendes Produkt. Bei bestimmten Kopfhautproblemen – beispielsweise Schuppen oder einer seborrhoischen Dermatitis – können medizinische Shampoos sinnvoll sein. Diese enthalten gezielt Wirkstoffe und sollten entsprechend der Diagnose und Anwendungsempfehlung eingesetzt werden.

Wichtig ist ausserdem, Shampoo vor allem auf die Kopfhaut zu geben und nicht die gesamten Haarlängen kräftig einzureiben. Die Längen werden beim Ausspülen ausreichend mitgereinigt.

Und Conditioner – braucht es den wirklich?

Ja, Conditioner macht das Haar leichter kämmbar und kann Haarbruch und Spliss reduzieren. Bei feinem oder glattem Haar reicht es meistens, den Conditioner in den Längen und Spitzen zu verteilen. Bei strapaziertem, trockenem oder lockigem Haar empfiehlt es sich daggen, die gesamte Länge mit Conditioner zu pflegen. Idealerweise trocknet man das Haar mit dem Handtuch zuerst etwas ab, bevor man den Conditioner aufträgt. Bei allzu nassem Haar wird er unnötig verdünnt und verliert damit an Wirkung. 

Kommen wir zum Haarwachstum. Wie schnell wächst ein menschliches Haar eigentlich?

Ein Kopfhaar wächst durchschnittlich ungefähr einen Zentimeter pro Monat. Entscheidend für die maximal erreichbare Haarlänge ist aber nicht nur die Wachstumsgeschwindigkeit, sondern vor allem die Dauer der Wachstumsphase.

Der Haarfollikel durchläuft verschiedene Phasen. In der sogenannten Anagenphase wächst das Haar aktiv. Diese Wachstumsphase kann beim Kopfhaar mehrere Jahre dauern. Danach geht das Haar in eine Ruhephase über und fällt schliesslich aus.

Das bedeutet, manche Menschen haben von Natur aus eine längere Wachstumsphase als andere?

Genau. Wenn die Wachstumsphase eines Haares relativ kurz ist, erreicht es seine maximale Länge und fällt aus, bevor es beispielsweise bis zur Taille wachsen kann. Daneben spielt aber auch Haarbruch eine grosse Rolle. Wenn Haare durch häufiges Färben, Bleichen, Hitze, mechanische Belastung oder andere äussere Einflüsse stark geschädigt sind, brechen sie ab, bevor ihre eigentliche maximale Länge erreicht wäre. Tatsächlich wachsen sie an der Kopfhaut durchaus weiter – sie erreichen nur wegen des Haarzyklus oder durch Haarbruch keine grössere Länge.

Welche Rolle spielt die Ernährung für gesundes, kräftiges Haar?

Eine ausgewogene Ernährung ist eine wichtige Grundlage. Das Haar besteht zu einem grossen Teil aus Keratin, einem Protein. Deshalb sollte die Ernährung ausreichend Eiweiss liefern. Wichtig sind ausserdem eine ausreichende Versorgung mit Eisen, Zink und bestimmten Vitaminen. Ein Mangel an Eisen, Eiweissen, Zink oder Biotin kann mit Haarausfall in Verbindung stehen.

Das bedeutet aber nicht, dass spezielle „Haarvitamine“ grundsätzlich notwendig sind. Nahrungsergänzungsmittel sollte man nicht einfach ohne dermatologische Abklärung einnehmen. Eine übermässige Zufuhr bestimmter Nährstoffe kann sogar problematisch sein. Sinnvoller ist es, bei auffälligem Haarausfall zunächst nach der Ursache zu suchen und bei Bedarf einen nachgewiesenen Mangel gezielt zu behandeln.

Welche Lebensmittel sind also eine gute Basis?

Eine abwechslungsreiche Ernährung mit beispielsweise Eiern, Fisch, Milchprodukten oder anderen Proteinquellen sowie Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten, Gemüse, Nüssen und Samen ist eine gute Grundlage. Entscheidend ist nicht ein einzelnes „Superfood“, sondern die gesamte Ernährung.

Welche Haarprobleme sehen Sie in Ihrer dermatologischen Praxis besonders häufig?

Allen voran: Haarausfall. Es gibt jedoch nicht nur eine Form von Haarausfall und deshalb auch nicht nur eine Behandlung. Wir unterscheiden beispielsweise zwischen diffusem Haarausfall, erblich-hormonell bedingtem Haarausfall, kreisrundem Haarausfall und verschiedenen Erkrankungen der Kopfhaut oder Haarfollikel.

Eine der häufigsten Formen ist der sogenannte androgenetische Haarausfall, also der erblich bedingte Haarausfall. Bei Männern zeigt er sich häufig zunächst an Geheimratsecken oder am Oberkopf, bei Frauen eher durch eine zunehmende Ausdünnung im Bereich des Scheitels. Eine andere häufige Form ist der diffuse Haarausfall. Dabei wird das Haar insgesamt dünner und es fallen deutlich mehr Haare aus als üblich.

Was kann man tun, wenn die Haare plötzlich ausfallen oder immer dünner werden?

Das Wichtigste zunächst: Nicht zu lange abwarten und nicht einfach irgendein Produkt ausprobieren. Haarausfall kann sehr unterschiedliche Ursachen haben. Je früher die Ursache erkannt wird, desto gezielter kann man behandeln.

Bei einem erblich bedingten Haarausfall kommen beispielsweise medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten mit Wirkstoffen wie Minoxidil infrage. Bei Männern kann in bestimmten Fällen auch Finasterid eingesetzt werden. Unter bestimmten Voraussetzungen kann auch eine PRP-Behandlung (Platelet-Rich Plasma) in Betracht gezogen werden. Dabei wird Eigenblut aufbereitet und das gewonnene plättchenreiche Plasma in die Kopfhaut injiziert. Ziel ist es, die Umgebung der Haarfollikel zu unterstützen.

Welche Behandlung im Einzelfall sinnvoll ist und welcher Nutzen zu erwarten ist, hängt von Alter, Geschlecht, Ursache, Ausprägung und individuellen Faktoren ab. Haarausfall sollte daher dermatologisch beurteilt und individuell behandelt werden. 

Kann Stress tatsächlich zu Haarausfall führen?

Ja. Starker körperlicher oder psychischer Stress kann einen sogenannten Telogen-Effluvium auslösen. Dabei wechseln überdurchschnittlich viele Haare vorzeitig aus der Wachstums- in die Ruhephase und fallen zeitverzögert aus.

Interessanterweise tritt der Haarausfall deshalb häufig nicht unmittelbar nach dem Stressereignis, sondern erst einige Wochen bis Monate später auf. Auslöser können beispielsweise eine schwere Erkrankung, Fieber, eine Operation, deutlicher Gewichtsverlust oder psychischer Stress sein.

Kann man präventiv etwas gegen Haarausfall tun?

Eine genetische Veranlagung kann man zwar nicht verhindern. Doch gilt hier wie auch für alle anderen Arten von Haarausfall: Je früher eine zunehmende Ausdünnung erkannt und dermatologisch abgeklärt wird, desto mehr Möglichkeiten gibt es, darauf zu reagieren.

Viele Menschen denken bei Haarausfall sofort an eine Haartransplantation. Wie sinnvoll ist sie tatsächlich?

Eine Haartransplantation kann bei ausgewählten Patientinnen und Patienten eine gute Möglichkeit sein, dauerhaft kahle oder stark ausgedünnte Bereiche wieder mit Haaren zu versorgen. Bei einer Haartransplantation werden die Haarfollikel aus einem Bereich mit ausreichend dichtem Haar – häufig vom Hinterkopf – entnommen und in ausgedünnte Bereiche verpflanzt. Sie ist aber nicht für jede Form von Haarausfall geeignet.

Wichtig ist aber: Eine Transplantation behandelt nicht automatisch die Ursache des Haarausfalls. Deshalb sollte vor einem solchen Eingriff zunächst eine dermatologische Diagnose gestellt werden. Bei bestimmten Formen von Haarausfall, beispielsweise entzündlichen oder narbenbildenden Erkrankungen, kann eine Transplantation ungeeignet sein. Auch bei fortschreitendem erblich bedingtem Haarausfall muss die langfristige Entwicklung berücksichtigt werden.

Wir schützen unsere Haut vor UV-Strahlung. Gilt das auch für die Haare?

Ja. UV-Strahlung kann die Haarstruktur schädigen. Das Haar kann dadurch trockener, spröder und brüchiger werden und seinen Glanz verlieren. Gefärbtes oder chemisch behandeltes Haar ist besonders empfindlich.

Noch wichtiger ist die Kopfhaut. Wenn die Haare dünner werden und mehr Kopfhaut sichtbar ist, sollte diese vor intensiver Sonne geschützt werden. Ein Hut oder eine andere Kopfbedeckung ist dafür besonders praktisch. Bei deutlich ausgedünntem Haar können auch geeignete Sonnenschutzprodukte für die Kopfhaut sinnvoll sein.

Dünner werdendes Haar gehört für viele Menschen zum Älterwerden. Warum?

Mit zunehmendem Alter verändern sich auch die Haarfollikel und der Haarzyklus. Das Haar kann feiner werden, die Wachstumsphase kann sich verkürzen und die Haardichte kann abnehmen. Zusätzlich kann sich bei Menschen mit entsprechender genetischer Veranlagung der erblich bedingte Haarausfall im Laufe des Lebens weiterentwickeln. Und dann gibt es natürlich noch eine sehr sichtbare Veränderung: die grauen Haare.

Warum werden Haare grau?

Die Haarfarbe entsteht durch Melanin, das im Haarfollikel gebildet wird. Mit zunehmendem Alter nimmt die Aktivität dieser Pigmentzellen ab. Das Haar wächst dann zunehmend grau oder weiss nach. Wann dieser Prozess beginnt, ist vor allem genetisch bedingt.

Kann man graue Haare verhindern?

Eine zuverlässige Methode, altersbedingtes Ergrauen dauerhaft zu verhindern oder rückgängig zu machen, gibt es derzeit nicht. Eine ausgewogene Ernährung, ausreichend Schlaf, Nichtrauchen und ein insgesamt gesunder Lebensstil können zur allgemeinen Haar- und Hautgesundheit beitragen.

Wenn Sie unseren Leserinnen und Lesern einen Tipp mitgeben dürften – welcher wäre es?

Ich würde sagen: Schauen Sie nicht nur auf das Haar, sondern auch auf die Kopfhaut und den Haarfollikel. Dünnes Haar kann man mit Pflegeprodukten kurzfristig schöner aussehen lassen. Wenn die Haardichte aber sichtbar abnimmt oder ungewöhnlich viele Haare ausfallen, sollte man die Ursache klären lassen.

Und bei der täglichen Pflege gilt: weniger aggressive Behandlung, mehr Schonung. Ein passendes Shampoo, Conditioner, möglichst wenig extreme Hitze und ein guter UV-Schutz sind einfache Massnahmen, mit denen man die Haarstruktur langfristig unterstützen kann.

Wer plötzlich deutlich mehr Haare verliert, eine zunehmende Ausdünnung bemerkt oder Veränderungen der Kopfhaut feststellt, sollte nicht monatelang selbst experimentieren. Haarausfall ist keine einheitliche Erkrankung. Eine dermatologische Untersuchung kann helfen, die Ursache einzuordnen und eine individuell passende Behandlung zu planen.

Haben Sie Probleme mit der Kopfhaut oder Haarausfall? Im Hautzentrum Zürich klären wir die Ursache ab und besprechen mit Ihnen die individuell passende Behandlung.

Anmeldung: 044 318 88 99